Wie unser Leben auf den Kopf gestellt wurde

Es wird persönlich: Ja, unser Leben wurde am 14. März 2020 auf den Kopf gestellt. Ab Mitte März hatten wir das zweifelhafte Vergnügen, den extremen Logdown in Spanien am eigenen Leib erleben zu dürfen. Im April trafen wir die Entscheidung, dass ich zunächst allein nach Deutschland reise, um neue Möglichkeiten auszuloten. Am ersten Mai war es dann soweit: Über Madrid flog ich zunächst mit Iberia und dann mit Lufthansa über Madrid nach Frankfurt. Nach sieben Monaten in Deutschland - getrennt von der Familie und weg von Teneriffa - kehre ich im Dezember zurück auf die Insel. Ich möchte wieder bei meiner Familie sein und dann gemeinsam als Familie entscheiden, wo unser Weg weiter geht.

 

Es war anders geplant: Nachdem ich am ersten Mai nach Deutschland kam, erhielt ich bereits Anfang Juni eine Zusage für einen Job als Lehrer im Seiteneinstieg an einer Regionalen Schule in Mecklenburg Vorpommern. Ich hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, mich als Lehrer im Seiteneinstieg zu bewerben.

 

Im Öffentlichen Dienst, als Angestellter des Landes Mecklenburg Vorpommern. Ich konnte es selbst kaum glauben. Nach 23 Jahren in Spanien, davon die letzten 18 Jahre selbständig.

 

Neukloster ist kleiner Ort mit dörflichem Charakter, unmittelbar an einem herrlichen Badesee gelegen, nur 15 Auto-Minuten von Wismar und der Ostsee entfernt. Durch Zufall und Glück finde ich ein wunderschönes und bezahlbares Haus zur Miete mit herrlichem Garten und nicht zuletzt mit entzückenden Vermietern. 

 

In nur fünf Minuten erreiche ich am Morgen mit dem Fahrrad das sehr schöne alte Backsteingebäude, in dem sich die Schule befindet. Übrigens Luftlinie nur 50 Meter vom See entfernt. Direkt gegenüber liegt das Gymnasium, das Joel hätte besuchen sollen. Der Plan ist, die Familie so schnell wie möglich nachkommen zu lassen. Beste Bedingungen in jeder Hinsicht.

 

Bis auf zwei "Kleinigkeiten": Zum einen die Arbeit als Lehrer. Ich habe größten Respekt vor dieser Tätigkeit. Sechs Stunden den Lärmpegel von 5. und 6. Klässlern auszuhalten ist das eine. Bis zu 24 Kinder zu unterrichten und zu erziehen, darunter einige (wenige) verhaltensauffällige oder gar verhaltensgestörte, ist das andere. Als Seiteneinsteiger ohne entsprechende pädagogische und didaktische Ausbildung sowie ohne vorherige Einführung geschweige denn ausführliche Einarbeitung. 

 

Die andere "Kleinigkeit" ist, dass der Wechsel von Land und Job zu krass ausfällt und insbesondere viel zu schnell geht. Zudem allein in Mecklenburg Vorpommern, wo ich niemanden kenne. 

 

Ich werde von Woche zu Woche frustrierter, falle Anfang September in ein ganz tiefes Loch und ziehe die Notbremse. Zurück in Dortmund habe ich zumindest die Unterstützung meiner Mutter, meiner Geschwister und meiner alten Freunde. Ich brauche einige Wochen, um mit der tatkräftigen Unterstützung dieser lieben Menschen aus diesem Tief wieder herauszufinden. Danke nochmals an euch alle dafür!

 

Und was kommt nun?

 

Ängste? Zweifel? Jeden Tag und nicht zu knapp. Ich denke aber, dass man auf dem Sterbebett die Dinge bereut, die man nicht getan hat und nicht diejenigen, die man ausprobiert hat. 

 

Wenn dieses Jahr 2020 etwas Positives hat, dann die Wucht, mit der Veränderungen nun angegangen werden müssen. Denn Leben bedeutet stetige Veränderung.